Eine Leseprobe aus dem Buch:

Scheiß auf ... Integration!

Autor: Savo Ristic

Integrationsverweigerer

Integrationsverweigerung ist ein politisches Schlagwort und bedeutet laut Wikipedia folgendes:

… das Verhalten von Einwanderern, die sich in der Gesellschaft des Einwanderungslandes nicht in dem Umfang assimilieren, in dem der Benutzer des Ausdrucks dies erwartet.

Ich finde, das ist wirklich harter Stoff. Ich lese diese Erklärung immer wieder, und je öfter ich es tue, umso weniger kann ich glauben, was ich da lese. Er ist einfach absurd, und dennoch nutzen viele Politiker*innen diesen Begriff. Damit werden Migrant*innen direkt angegriffen, in dem man ihnen unterstellt, dass sie kein Interesse an einer gemeinsamen Lösung für eine gemeinsame Zukunft Österreichs haben.

Mit “Integrationsverweigerer” betitelt zu werden, ist ein Argument, wogegen sich Migrant*innen gar nicht richtig wehren können, weil es sich hier eben gar nicht um konkrete Themen und Maßnahmen handelt. Hier wird Integration als Assimilation entlarvt, denn genau das ist es, was man sich von Migrant*innen erwartet. Diesen Ausdruck verwenden in erster Linie Rassist*innen, und dabei handelt es sich hier um eine ziemlich große Gruppe, die ihren Rassismus offen zeigen und eine noch größere Gruppe, die einen latenten Rassismus pflegen oder zumindest stillschweigend unterstützen.

Nennt mich ruhig Integrationsverweigerer, wenn es euch danach besser geht. Wenn ihr glaubt, mich dadurch zwingen zu können, meine Art zu leben zu ändern, meine Kritik an der Gesellschaft zum Schweigen zu bringen oder mich zur Assimilation zwingen zu können, dann täuscht ihr euch. Ich bin gerne der sogenannte “Integrationsverweigerer”, weil das ein guter Weg ist, um mich aus dem Integrationstheater (Max Czollek) (17) zu befreien.

Wenn wir es aber korrekt betrachten würden, dann wären die wahren Integrationsverweigerer die Strukturen, Institutionen und politischen Organisationen dieses Landes, die aktiv und passiv Menschen mit Migrationshintergrund an der Partizipation hindern. Das ist der wahre Wahnsinn und eine echte Katastrophe im Hinblick auf die Zukunft unserer offenen Gesellschaft. Mit jedem Tag, an dem wir bewusst und absichtlich Chancenungleichheit produzieren oder diese stillschweigend unterstützen, wächst die soziale Kälte in unserer Gesellschaft, die uns noch nicht so bedrohlich vorkommt, die aber bereits da ist und in rasanten Schritten voranschreitet, sodass wir diese in Bälde nicht mehr aufhalten werden können. Mit jedem Tag, an dem wir diese Zustände dulden, stirbt ein Stück unserer offenen Gesellschaft und wir entfernen uns exponentiell von ihr. Eines Tages können wir uns an ihrem Grabe treffen, mit einer Inschrift, die uns traurig stimmen wird:

„Hier begraben, liegt die “offene Gesellschaft”. Viel zu früh verstorben, im Kleinkindalter musste sie von uns gehen. Sie bekam nie die Chance, sich zu entfalten und zu gedeihen, nicht weil sie es nicht wollte, nicht weil sie es nicht gekonnt hätte. Ihre Bürger*innen haben sie ignoriert, negiert, geleugnet, gedrosselt und gewürgt. Letzten Endes waren sie erfolgreich und sie, die offene Gesellschaft, liegt jetzt hier an ihrer letzten Ruhestätte. Gleichwohl ihre Bürger*innen es jetzt bereuen, ihr Ersatz, die Diktatur, wird sie nicht wieder auferstehen lassen. So ist sie leider für immer verstorben.”

Es ist wichtig, sich zu fragen, wo man selbst gerade steht. Gegenüber welchen Ungerechtigkeiten ist man schon ignorant geworden oder anders gesagt, was müsste passieren, damit man ins Handeln kommt?

Der Menschheit scheint überhaupt alles gleichgültiger geworden zu sein. Wer nicht handelt, der kann auch nichts falsch machen. Warum soll gerade ich meine Lebenszeit mit Problemen der anderen, mit deren Defiziten vergeuden? Es wird doch andere, wichtigere Leute geben, deren Job es ist, anderen zu helfen. Politiker*innen sind ja sowieso überbezahlt und ich, also, ich rühre sicher nicht meinen Finger, wo sind wir denn?!

Ich werde immer wieder gefragt, warum ich mich so aktiv, so aggressiv, ja so radikal gegen Ungerechtigkeiten, Diskriminierung, Rassismus und Unterdrückung einsetze. Was habe ich so Schlimmes erlebt, wer ist mich rassistisch angegangen oder hat mich diskriminiert, dass ich so kritisch auf unsere Gesellschaft blicke und so übertrieben über Österreich urteile. Mir geht es gut und ich soll doch froh sein, dass ich viel erreicht habe. Meine Antwort darauf ist ganz klar und deutlich:

„Ich werde täglich rassistisch angegriffen. Immer dann, wenn ein Mensch aufgrund seiner Herkunft oder Hautfarbe diskriminiert wird, werde auch ich diskriminiert. Ich werde Opfer von Rassismus und Diskriminierung, wenn die kleine Zehra wegen ihrer Religion oder Herkunft in der Schule ausgeschlossen oder schlechter benotet wird. Ich werde diskriminiert, wenn eine Familie mit Migrationshintergrund bei der Wohnungssuche wegen ihres Namens abgelehnt wird. Jede dieser Ungerechtigkeiten ist auch eine, die gegen mich gerichtet ist. Aus diesem Grund schweige ich nicht. Darum setze ich mich für eine offene und diverse Gesellschaft ein, weil wir nur gemeinsam etwas verändern können!”

Der Mut hat uns verlassen und ein tieferer Sinn, ihn wieder zu zeigen, fehlt. Diese egoistische Haltung hat bereits jeden Winkel der Erde erreicht. Mit einer Haltung, in der Konkurrenzdenken immer und auf jeden Fall besser als Kooperation ist, wurde einer ganzen Generation von Menschen etwas Neues beigebracht, ein neuer Blick auf die Welt, ohne ihre Geschichte vollständig zu erzählen, ohne darüber ausreichend diskutieren zu können.

„Ich brauche selber keine Hilfe, warum sollte ich mich dann für jemand Anderen einsetzen?”  Ist das etwa eine mögliche Rechtfertigung dafür, wie man sein Gewissen ausschalten und sich noch dazu über die Schwächsten unserer Gesellschaft auslassen kann? Menschen wissen oft, was richtig ist, handeln aber dennoch nicht dementsprechend. Wir wissen, dass Wasser gesund ist, trinken aber zu wenig und wenn doch, dann oft das Zuckerwasser, usw. Uns fehlt Selbstdisziplin und Übung. Wir müssten die Demokratie, das demokratische Denken üben, üben und nochmals üben. Wir leben in einer Wachstumswirtschaft, in der Bürger*innen Konsumenten sind. Der Staat ist nur so lebensfähig. Unsere Einstellung gegenüber unseren Mitmenschen wird nicht mehr leicht rückgängig zu machen sein. Dafür müssten wir spätestens im Kindergarten ansetzen und unser Schulsystem auf Kooperation aufbauen. Z.B. Teamarbeit fördern, den Lehrplan entrümpeln und dafür “Lebenskunst” einführen oder “Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen” und nicht, wie jetzt, ein egoistisches und narzisstisches System fördern, indem man immer gegen seine Mitschüler*innen anzutreten lernt und nur um sein eigenes Fortkommen kämpft. Natürlich ist es wichtig, fleißige Schüler*innen zu belohnen, aber es ist ungleich wichtiger Teamwork zu fördern. Wir brauchen ein Fach “Selbstbewusstseinbildung”. Wir müssen aufhören, mit der Nivellierung nach unten. Eine Kombination macht es aus.

Wenn wir es gekonnt anstellen, dann können wir aus unseren Kindern das Beste hervorholen. Sie sollen lernen, groß zu träumen, sich für eine Sache einzusetzen, sich anzustrengen und aus der Komfortzone hinaus zu bewegen. Dennoch muss der Staat dafür auch bestmögliche Voraussetzungen schaffen. Sobald jemand schwächer, langsamer oder vielleicht in der Pubertät unaufmerksamer oder rebellischer ist oder sich gerade psychisch nicht gut fühlt, wird er für dumm, faul oder einfach für nicht gut genug erklärt, mit den anderen mit zu halten. Und dann bleibt sie/er auf der Strecke, wird irgendwie bis zur Matura mitgeschleppt ohne Aussicht auf die Chance, jemals in dieser Gesellschaft bestehen zu können. Leider sind besonders vielfache Verlierer*innen unseres Bildungssystems, Kinder mit Migrationshintergrund. Allein zu den Ungerechtigkeiten unseres Schulsystems könnte man eine Buchreihe verfassen.

Bio-Österreicherin

Migrant*in

Tschusch

Du mußt Deutsch lernen!

Woher kommst du?

Sisyphos

Scheiß auf ... Integration!